Bei der Geschichte „Der Schrei - Eine ganz alltägliche Geschichte“ handelt es sich um eine authentische Geschichte. Kevin wurde über Jahre von seinem Vater sexuell missbraucht.
Klein und blass sitzt Kevin vor mir. Die blauen Augen wirken durch die Augenbraune tiefschwarz und lassen seine Blässe noch deutlicher hervortreten. Leise beginnt er zu erzählen - von dem sexuellen Missbrauch durch seinen Vater. Es geschah immer zu Hause. Immer in der Nacht. Und fast immer in seinem Zimmer. „Du bist doch mein kleiner Held“, hat er gesagt. „Ich habe doch nur dich“. Das machte er, seit Kevin acht war.
Das Wort „sexueller Missbrauch“ kommt ihm nicht über die Lippen, dazu sind die Wunden noch zu frisch. „Ich dachte, das ist normal, vielleicht ist mein Vater eben so...“ Es sind ganz dürre Worte, mit denen er seine Pein zusammenfasst: „Ich habe mich geschämt, dass der so was mit mir macht.“
Es ist ein dichtes Netz aus Angst, Hass und Scham, das Jungen in solchen Situationen zum Schweigen verdammt.
Sexueller Missbrauch von Kindern ist eine Form der Kindesmisshandlung. Sie geschieht zumeist nicht in der Öffentlichkeit, sondern in der Familie, in der Verwandtschaft oder im engeren Bekanntenkreis. Je enger die Beziehung zwischen Opfer und Täter, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Missbrauch über eine längere Zeit, intensiv und mit mehr (psychischer) Gewalt ausgeübt wird.
Verbale Belästigungen, sexuelle Berührungen, exhibitionistische Handlungen, Masturbation sowie orale, vaginale und anale Vergewaltigungen sind die häufigsten Formen des sexuellen Missbrauchs. Außerdem ist in diesem Zusammenhang auch die Kinderpornografie zu nennen, die gerade durch das Medium "Internet" erschreckende Dimensionen der Verbreitung erfährt.
Klischee und Wirklichkeit: Während Kinder auch heute immer noch vorwiegend vor dem "fremden Mann" gewarnt werden, tritt sexueller Missbrauch durch Fremde vergleichsweise selten auf. Fremden Tätern sind in der erster Linie exhibitionistische und damit die eher harmlosen Formen des Missbrauchs zuzurechnen. Allerdings begehen (zumeist) fremde Täter auch die - sehr seltenen - Extremtaten (Entführung, Missbrauch, Misshandlung und schließlich sogar Tötung). Einen totalen Schutz vor solchen Gewalttaten gibt es nicht; dennoch sind eine fortwährende Angst oder gar Panik weder angebracht noch hilfreich. Denn: Nicht verängstigte, in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkte Kinder, sondern mutige, starke und selbstbewusste Kinder sind am wirksamsten vor sexuellem Missbrauch geschützt.